Videothekenkind Nr. 1: Interview mit Frank Montag zum Thema Videothek

Hallo,

endlich ist es so weit. Heute gibt es das erste Interview, von hoffentlich vielen. Ich hatte die Möglichkeit mit Frank  Montag über das Thema Videotheke zu reden und ihm dabei ein paar Fragen zu stellen, zu einer Kultur, die es nicht mehr gibt, jedenfalls nicht mehr so. Dabei gibt es interessante Dinge zu erfahren.

 

Viel Spass mit dem Interview.

 

Sebastian Rothe:  Videotheken verschwinden immer mehr und man nutzt viel mehr das Online-Angebot, kannst du dich noch an deine ersten Besuche in einer Videothek erinnern?

 

Frank Montag:  Aber sicher. Ich denke, sowas vergisst man nicht, wenn man das erste Mal das Filmangebot und die ganzen VHS-Kassetten in den Regalen sieht und stellt fest, dass man sich die ganzen großen Filme aus den Kinos auch nach Hause auf den eigenen Fernseher holen kann. Das muss so 1986 oder 1987 gewesen sein. Damals gab es drei TV-Programme, keine Handies, kein Internet. Ein absolutes „Highlight“ war es, wenn mal am Wochenende ein alter James Bond-Film im Fernsehen gezeigt wurde. Da war eine Videothek ein Quantensprung an Unterhaltung. Filme wie „Zurück in die Zukunft“, „Police Academy“ und „Krieg der Sterne“ sind auf einmal jederzeit für zuhause verfügbar. Die erste Videothek, die ich von innen gesehen hatte, war kaum größer als ein durchschnittliches Wohnzimmer. Vielleicht waren es 30 Quadratmeter mit einer Rundumauswahl von geschätzten 150-200 Filmen. Eine freundliche alte Frau hinter der Ladentheke sagte, dass ich erst die Videothek betreten darf, wenn ich 18 Jahre alt bin. Nachdem ein volljähriges Familienmitglied sich eine Kundenkarte machen ließ, war es dann auch kein Problem mehr, wenn ich mal einen Film auslieh. Die alte Frau sagte dann immer zu mir: „Falls jemand kontrollieren kommt, kommst du hinter die Theke und bist mein Enkel.“ Leider ist sie schon lange tot, nur so gesehen kann sie jetzt auch nicht mehr wegen Verstoß gegen den Jugendschutz haftbar gemacht werden. Ich denke auch, dass ein Jeder aus der Zeit, der noch nicht volljährig war, ähnliche Erfahrungen gemacht hat. Zu dieser Zeit stand sogar noch ein Aschenbecher auf der Theke. Das wäre heute absolut undenkbar.

 

Sebastian Rothe:  Es gibt heute eine Generation, die eine normale Videothek gar nicht mehr kennt. Kannst du erklären, was die Besonderheit damals für dich war?

 

Frank Montag: Persönliche Gespräche mit den Videothekaren und anderen Kunden über die Filme, die man gesehen hat oder sehen sollte. Filme wurden damals nicht so schnell und so viel veröffentlicht, wie es heute ist. Da kamen vielleicht einmal pro Woche ein bis zwei neue Kassetten in den Verleih. Das Angebot war übersichtlich und wirkte nicht reizüberflutend. Deswegen wirkten die Filmposter im Schaufenster noch, und man ließ sich viel Zeit, um die Cover der Kassetten zu studieren und sich die Szenenbilder auf der Rückseite anzuschauen.

 

Sebastian Rothe:  Welcher war der erste nicht jugendfreie Film, den du in der Videothek ausgeliehen hast?

 

Frank Montag: Das kann ich leider nicht mehr hundertprozentig sagen, aber ich denke, es war vielleicht „Delta Force“, „Freitag der 13. – Jason lebt“, „Nightmare on Elm Street“ oder „The Return of the living Dead“. Ich kann mich auch noch an das alte Cover von „Plutonium Baby“ erinnern. Da waren nur ekelige Sachen drauf und den wollte ich damals nicht ausleihen.

 

Sebastian Rothe:  Kannst du irgendwas Interessantes erzählen, was du mal in einer Videothek erlebt hast?

 

Frank Montag: Da gibt es sicherlich Hunderte von Geschichten, die man erzählen kann. Hier nur ein paar. Ich kannte mal einen Typen, der ein ganz normaler durchschnittlicher Arbeiter war, aber noch bei seiner Mutter wohnte und keine großartigen Lebenserhaltungskosten zu tragen hatte. Wenn ein neuer großer Film in die Videothek kam, hat er sich beim Videothekar immer diekt die Verleihversion bestellt und gekauft. Damals waren Verleihkassetten noch 150 bis 250 Mark teuer. Das fand ich schon heftig, soviel Geld für einen Film zu bezahlen. Falls ich mich richtig erinnere, hatte er damals 240 Mark für „Harte Ziele“ ausgegeben.

 

Als ich auf einer Sprachreise in England war, zeigte ich einem der Söhne der Gastfamilie, wie man mit einem normalen Antennenkabel und zwei Videorekordern Filme kopieren konnte. Damals waren Scartkabel fast unbezahlbar, da man mit ihnen direkt Filme kopieren konnte. Er hatte sich tierisch darüber gefreut und so war ich mit ihm damals in einer englischen Videothek. Die Filme, die ich dann mit nach Deutschland brachte, waren „Crocodile Dundee“ und „Freitag der 13. – Das letzte Kapitel“. Wir hatten damals echt einen Riesenspaß zusammen. Heutzutage gehört er zu einer Partei der englischen Regierung.

 

Um die Filmindustrie an dieser Stelle zu beruhigen, habe ich die ganzen Filme im Laufe der Zeit original auf VHS, DVD und mittlerweile auch, insofern verfügbar, auf BD erworben.

 

Sebastian Rothe:  Meinst du, dass die Videothekenkultur eine Generation an Filmemachern wie dich geprägt hat, da man manches schon zu Hause gesehen hat und nicht mehr im Kino?

 

Frank Montag: Das Format hat als Nachwirkung keinen Einfluss auf die Prägung. Die Stories und die Umsetzung der Filme werden wohl nie wieder so ausgearbeitet und detailliert sein, wie in den 80ern. Es kostet zu viel und steht der Wirtschaft entgegen, um aus Filmprojekten maximales Kapital zu pressen. Das absolute Aus für wirklich gute Filme kam mit der Revolution der Digitaltechnik. So betrachtet, war „Die Matrix“ der Tod der Handarbeit und die erste wirkliche digitale Revolution „Jurassic Park“. Ich kann mir keine bessere Inspiration vorstellen, als die gute alte Handarbeit der 80er.

 

Sebastian Rothe:  Was hälst du eigentlich von der Coverentwicklung? Manchmal habe ich ja das Gefühl, dass man sich bei alten Postern und auch VHS Motiven mehr Mühe gegeben hat, selbst den billigsten Scheiß besser zu verkaufen als er ist?

 

Frank Montag: Die Coverentwicklung ist eine einzige Katastrophe. Früher wurden noch richtige Künstler damit beauftragt, ein Filmplakat zu zeichnen und zu malen. Heute wird alles mit Bearbeitungsprogrammen im wahrsten Sinne des Wortes zusammengekloppt. Um da aus persönlicher Erfahrung zu sprechen, haben wir es damals bei „Slasher“ auch so gemacht, dass alles fotografiert wurde und danach bearbeitet wurde. „Cannibal Diner“ hat hingegen ein echtes Foto, bei dem viel Wert auf Details gelegt wurde und nur die Ränder ins Schwarze übergingen. Es wirkt viel besser. Ich würde mir viel mehr die alten gemalten Filmposter zurück wünschen, was allerdings heute wieder eine zusätzliche Ausgabe darstellt. So funktioniert unsere heutige Konsumgesellschaft. Setze dem Endkonsumenten auf Dauer genug Schwachsinn vor, bis er diesen Schwachsinn als Standard ansieht. Da muss ich vermutlich nicht näher auf die Politik diverser Privatsender oder Labels eingehen. Für Mitdenkende ist es wohl obligatorisch und hinreichend bekannt.

BastitheEnd

Filmfan, Autor dieser Seite.

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