Ein Manifest der Verständnislosigeit

oder IGNORANZ, NEUGIER und SCHATTEN

 

Neulich sandte mir jemand über Skype einen Youtube-Link. Das Spannende an Youtube-Links ist, dass man niemals weiß, was einen genau erwartet. Normale Links verraten oft schon viel über ihre Natur, etwa wenn da stünde „www.myspace.com/britneyspears/tourdaten“ könnte ich wohl davon ausgehen, dass mir die schickende Person etwas über Tourdaten von Britney Spears mitteilen will. Bei Youtube-Links ist das nicht so. Obwohl allein durch die von Google vorgegebenen Richtlinien natürlich auch eine gewisse Erwartungshaltung entsteht – etwa weiß ich, dass ich keine nackten
Menschen sehen werde – so verrät dieser Link „http://youtu.be/Svx9JFjl0t0“ doch erst mit einem Klick darauf, welche Geheimnisse sich dahinter verbergen!

 

Ein Manifest der Verständnislosigeit

Nichtsahnend, aber ein bisschen neugierig, klicke ich also auf den Link. Es ist eines dieser VideoTagebücher, wo eine Person der Meinung ist ihre Ansichten über die Welt mit der willigen YoutubeUserschaft teilen zu müssen. Es spricht eine – meines Erachtens – sehr hübsche Frau. Sie hat definitiv nicht die Magersucht-Stangen-Figur aus der saisonalen Heidi Klumm Zucht, aber sie ist eine hübsche und offenbar recht selbstbewusste junge Frau. Das schließe ich daraus, wie sie sehr kunstvoll „beiläufig“ immer wieder ihre Brüste zurecht rückt. Diese Schönheit telefoniert in diesem Video mit einem „Regisseur“ und interviewt ihn. Wie sie zur Nummer dieses Regisseurs kommt, weiß man nicht, jedoch hat sie sie und offenbar beneiden viele sie um diese Nummer. Sie fungiert als Vermittlerin und stellt diesem Regisseur die Fragen anderer Youtube-User.

Von diesem Regisseur hab ich noch nie zuvor etwas gehört, jedoch fasziniert mich die Art, wie diese recht hübsche Dame diesen Mann über das Telefon anhimmelt und vergöttert. So beginne ich zu „recherchieren“. Nicht im wissenschaftlichen Sinne, sondern eher im hilfsbereiten Web2.0, von Imdb über diverse Foren, schnell ist man klüger und kurz darauf hat man auf anderen Seiten im rechtlichen Graubereich auch das Komplettwerk des Mannes gedownloaded. Wissen, das man so angehäuft hat, deutet darauf hin, dass es sich wirklich um Nischenprodukte handelt. Horror abseits
von Mainstream „Torture Porns“ ala Hostel oder Saw, die in den letzten Jahre so über die Kinoleinwände flimmerten. Aber gerade wegen der weltweiten Vernetzung hat man alles mögliche und unmögliche im Internet schon gesehen und irgendwo springt bei dem Hinweis, dass es sich dabei um eine ganz neue Ebene des filmischen Erlebens handeln würde, die Neugierde an. Zumal die Filme scheinbar durchaus eine starke Fangemeinde haben. Neugierig wie ich bin, lege ich den dritten Teil – der Download der als erstes fertig ist – ein und komme gerade bis zu Minute acht. Wobei vier Minuten lediglich ein Monolog der Schauspielerin sind, die deutlich hinweist, freiwillig mitgemacht zu haben und jederzeit aus den laufenden Dreharbeiten aussteigen hätte können. In den restlichen vier Minuten erfahre ich, dass es um die Prostituierte „Angela Aberdeen“ geht, die unter Bulimie leidet und einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hat. Soweit so gut, es folgen explizite Sexualdarstellungen, mit jeder Menge Blut, sie wird geschlagen und aufgehört habe ich, als die Hauptdarstellerin sich mehrere Male übergibt. Hand rein, alles muss raus. Keine Filmtricks, alles
echt. Nur um einen kleinen, überblicksartigen Eindruck von dem Film zu vermitteln.

Zurück zu den friedliebenden Weiten von Youtube. Eine ansehnliche, hübsche Frau, telefoniert mit dem Regisseur, der oben kurz angeschnittenen Film gemacht hat. Ich werde neugierig auf den Film, kommt nicht oft vor, dass eine hübsche Frau so von einem Film schwärmt. Freilich erst im Nachhinein hat mich der Punkt wirklich stutzig gemacht, an dem diese hübsche junge Frau dem Regisseur ins Telefon flirtet, dass sie sofort seine nächste „Angela“ spielen würde. Dank meinen Recherchen weiß ich nun auch, dass die jeweils wechselnden „Angelas“ in allen drei Filmen immer
freiwillig und von sich selbst aus mitgemacht haben.

Um es nochmal explizit auszudrücken: Eine junge hübsche Frau geht auf diesen Mann zu, mit dem sie wie auch immer in Kontakt kam und bietet freiwillig an sich für die Dauer der Dreharbeiten vor der Kamera zu prostituieren und sich mehrmals absichtlich und erzwungen zu übergeben. Die bloße Existenz dieser Filme ist der Beleg, dass in dieser Welt irgendetwas sehr komisch läuft, aber wie solch ein Mann so eine Anziehungskraft haben kann, ist für meinen begrenzten Verstand nicht mehr zu erklären. Im weiteren Sinne führt es mich auch zur Frage was denn Ästhetik ist? Ob es eine Ästhetik des Grauens gibt und ob diese in diesem Film dann nicht ihre Perfektion erlangt? Ich möchte hier nicht mit nacktem Finger auf den Regisseur oder die teilnehmenden Damen deuten, ich selbst bin im gleichen Maße mitschuldig, weil ich dieses Machwerk aus purer Sensationsgier und Schaulust in meine Welt lies und weil ich jetzt in gewisser Weise selbiges auch noch verbreite und unterstütze, indem ich mir diese, mich bewegende Grenzerfahrung vom Leibe schreibe. Und irgendwo hab ich auch den Gedanken noch nicht aufgegeben, den Film fertig zu schauen. Ohne zu
wissen wieso.

Und gleichzeitig ist ein solcher Film auch auf abartige Weise der Beweis wie gut es uns geht. Wie nichtig unsere Probleme sind, wie wir uns selbst, die Darstellerin etwa indem sie sich den Finger in den Hals schiebt und ich weil ich ohne irgendeinen Lustgewinn zu empfinden, dabei zusehe, Probleme und Schrecken schaffen. Ein merkwürdiger Vorgang, den wir uns leisten können.

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