Raw

Ist Raw wirklich ein neuer Skandalfilm aus Frankreich?

Jedes Jahr gibt es auf einem Filmfestival einen Film der für einen Skandal sorgt, denn immer wieder passiert etwas. Menschen brechen zusammen oder das gezeigte ist zu extrem für das Mainstreampublikum. Dabei ist aber auch abhängig von dem Film und dem Publikum. Einer dieser Filme ist Raw aus Frankreich. Hier wird der geneigte Fan der neuen französischen Härte sicher aufmerksam. Ein Streifen der Menschen zusammenbrechen lässt und manche verlassen sogar den Kinosaal. Was kann das sein? Warum passiert das und ist der Film wirklich so extrem wie man hofft? Vielleicht ist er aber auch ganz anders. Dies beweist Raw perfekt, denn man bekommt ein Coming of Age Drama, welches sehr viele Horrorelemente beinhaltet, ohne den Horror wirklich zu zeigen. Dennoch hat der Film ein paar wirklich Ekel erregende Szenen, die nichts für schwache Mägen sind.

Die Handlung von Raw dreht sich um Justine, eine Vegetarerin, sie ist neu an der Universität. Sie will Tierärztin werden. Ihre Schwester ist schon an der Uni und so freut sie sich auf das neue. Doch sie muss durch die Hölle, denn sie ist neu und wie allen neuen gibt es ein paar Aufnahmerieten, welche eingehalten werden müssen. So muss sie auch Fleisch essen. Doch dieser Moment wird ihr Leben für immer verändern. Denn Es löst etwas in ihr aus, einen Hunger auf mehr.

Schnell wird dem Zuschauer bei Raw klar, das man mehr sieht als den üblichen Horrorfilm, denn man versucht alle Stereotypen zu vermeiden und umgeht so manches Genre Klischees. Viel mehr ist die Geschichte um Justine, auch ein Coming of Age Drama, denn sie blüht auf. Doch bei ihr hat das fatale Folgen. Die Fleischeslust in ihr erwacht Wort wörtlich. So zeigt der Film auch ihren Kampf gegen diese Lust und wie sie damit umgehen soll.

Coming of Age

Wer bei Raw einen derben blutigen Horrorfilm erwartet, der wird enttäuscht. Denn der Film ist viel mehr. Es zeigt uns das Leben von Justine und wie es sich verändert. Denn es ist auch ihr erwachen. Zu Hause war sie unter der Aufsicht der Mutter, Fleisch ist Verboten und sie wurde vegetarisch erzogen. Warum das ganze? Das erfahren wir nie wirklich. Dafür zeigt die erste Szene, was für eine Person die Mutter ist. Doch kaum hat Justine ihre neue Freiheit entdeckt und trifft ihre Schwester wieder, auf einer Party wo alles beengt wirkt und sie sich sichtlich fehl am Platz fühlt. Es ist der Aufnahmeprozess den sie durch macht. Ein Stück Hasenniere verändert ihr Leben für immer. Denn der Ausschlag den sie bekommt ist erst der Anfang ihrer körperlichen Veränderung.

So zeigt Raw uns eine junge Frau die sich noch finden muss. Am Anfang ist es Justine egal wie sie aussieht. Ihre Achseln sind nicht rasiert. Erst als ihre Schwester sie drauf aufmerksam macht und sie versuchen sie zu enthaaren. Doch dieser Versuch endet anders als der Zuschauer es erwartet. Es zeigt sehr deutlich, welchen Druck  junge Frauen ausgesetzt sind und was sie durch machen müssen. Justine will sich aber nicht anpassen. Dennoch versucht sie normal zu sein, nicht aufzufallen.

Der ganze Film ist ein Prozess der Verwandlung. Der Kannibalismus, die Fleischeslust ist da schon fast nur eine Metapher, wär da nicht das Finale und die letzten Szenen. Dennoch zeigt Raw über große Strecken ein Drama über eine junge Frau, die so einige Probleme hat. Dabei schreckt der Film nicht zurück immer wieder zu schockieren. Das ganze ist ein stetiger Wechsel, nach und nach vergessen wir die Zeit und verfolgen gespannt, wie sich Justine verändert und leidet. Denn was in ihr erwacht bedeutet auch nichts Gutes.

Ekel

Ein Film wie Raw könnte sogar fast ohne die Ekelszenen auskommen. Denn auf der Dramaebene funktioniert der Film so gut, dass man als Zuschauer sogar immer wieder vergisst, dass man eigentlicht einen Horrorfilm schaut. Doch dann kommen ein paar Szenen, welche einen echt an die Grenzen bringen. Vor allem eine Szene schafft es selbst den härtes Magen umzudrehen. Dabei ist es nichts blutiges oder hat es mit Kannibalismus zu tun. Sondern Justine hat einfach bei einem Gespräch an ihrem Haar gekaut und festgestellt, sie hat davon zu viel verschluckt. Die nächste Szene spielt auf dem Klo und sie würgt und zieht langsam das Haar aus ihrem Mund. Dies alleine reicht um einen ekeln zulassen. Dann man fühlt mit ihr und die Geräusche dazu. Man braucht keine Detail aufnahmen von etwas. Diese einfache Simpleszene reicht vollkommen aus.

Doch auch weitere Szenen können einen auf den Magenschlagen. Denn die Verwandlung vom Vegetarier zum Fleischfresser wird nach und nach gezeigt. Was am Anfang noch lustig wirkt, endet schnell damit das Justine am Kühlschrank rohes Fleisch ist. Dann gibt es noch die eine Szene, welche zeigt das es kein Zurück mehr für sie gibt. Hier siegt die Lust auf das Fleisch. Das ganze wirkt aber fast schon poetisch und ruhig und erzeugt weniger Ekel. Dennoch ist der Film halt kein Zuckerschlecken. Denn das Thema und das Gefühl was man als Zuschauer bei dem Film hat, denn irgendwas stimmt nicht in Raw. Die Auflösung gibt es am Ende und es macht klickt. Man hat zwar eine Ahnung und kann auf diese Wendung kommen. Das stört aber weniger, denn die Handlung ist Stark genug das etwas schwache Ende zu überdecken. Denn es ist der letzte Schockmoment, der die Ahnung bestätigt.

Optik

Ein Film wie Raw kann schnell in das billige und exploitative Kino abrutschen. Doch der Film behandelt das Thema auch rein optisch mit viel Respekt. Zwar sieht man ab und an die Nippel von Justine, dies aber meist in einem nicht erotischen Kontext. Auch ihr erstes Mal ist sehr gut in Szene gesetzt und zeigt hier deutlich, wie die Lust zur Fleischeslust wird. Denn sie verändert sich, wenn dieses Lust in ihr erst mal erwacht ist, verhält sie sich immer wieder anders. Deutlich wird das in einer Szene im Club. Wo sie Zeug wird vom Augenlecken Fetisch und sie sitzt da mit gespreizten Beinen und beobachtet alle. Wie ein wildes Tier was sich seine Beutet sucht. Das ganze ist in Neonlicht gehalten und mit einem Synthiesoundtrack, das ganze hat schon etwas von einem Giallo und gehört zu den optischs stärksten Szenen des Films.

Auch sonst beitet Raw sehr viele Szenen die einem im Gedächtnis bleiben und es sind meist nicht die Szenen die auf den Ekelfaktor aus sind. Außer die Szene mit den Haaren, die wird man so schnell nicht mehr los. So wie sich Justine verändert, so verändert sich auch der Film. So liegt sie mit gespreizten Beinen auf dem Bett ihrer Schwester und ist in Erwartung was das Waxing bringen soll. Die Bikinizone soll dran glauben. Da gibt es ein paar intime Großaufnahmen, welche nichts zeigen aber dennoch genug um das ganze zu verstehen.

Auch interessant ist die Szene, wenn Justine das erste Mal auf einer Party an der Uni ist, alles wirkt so als ob man es in einem Take gedreht hat. Wir erleben das ganze schon fast aus ihren Augen und bemerken auch die Enge die hier herrscht. Das fängt die Kamera an und ist immer nah bei Justine. Sie erlebt eine ganz neue Welt und fühlt sich Fremd dort und dies tun wir als Zuschauer am Ende auch.

FAZIT:

Raw ist eine Metapher für das erwachsen werden und verpackt das ganze Horrorthema in ein Coming of Age Drama. Am Ende sind aber Genre Konventionen egal und die Grenzen verwischen. So bekommt der Zuschauer einen wirklichen guten Film serviert. Der ein typischen Thema ganz anders erzählt.

Raw

Movie title: Raw

Director(s): Julia Ducournau

Actor(s): Garance Marillier, Ella Rumpf, Rabah Nait Oufella, Laurent Lucas, Bouli Lanners, Joana Preiss, Marion Vernoux, Alice D'Hauwe, Denis Mpunga, Jean-Louis Sbille

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  • 9/10
    Handlung - 9/10
  • 9/10
    Schauspiel - 9/10
  • 9/10
    Regie - 9/10
  • 8/10
    Spannung - 8/10
  • 7/10
    Ekel - 7/10
  • 8/10
    Anspruch - 8/10
8.3/10

BastitheEnd

Filmfan, Autor dieser Seite.

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