Mädchen Mädchen: Das Regiedebüt von Roger Fritz mit Helga Anders

Ein paar Jahre vor Mädchen: Mit Gewalt dreht Roger Fritz mit Mädchen Mädchen seinen Debütfilm. Dabei besetzte er auch hier schon Helga Anders, auch Klaus Löwitsch ist in einer kleinen Rolle dabei. Der Film entstand weil man den Willen hatte einen Film zu drehen und man war in der schwabinger Filmclique. Dabei fing man natürlich auch den Zeitgeist auf und so sieht man auch Uschi Obermeyer in einer Szene. Es ist aber auch ein Film über eine Idee zu einem alten Paragrafen und wie man eigene Erfahrung in einen Film einbringt. So entstand ein Film der vielleicht ein junger deutscher Film sein mag aber auch nah an der französischen neuen Welle ist.

Die Handlung beginnt mit Andrea, welche gerade aus dem Erziehungsheim entlassen wird. Sie war dort für sechs Monate, da sie eine Affäre mit ihrem Chef hatte. Da sie aber unter 17 ist, war dies eine Straftat und ihr Chef landetet auch im Knast. Auf dem Weg nach Hause landet Andrea aber wieder in dem Zementwerk wo sie einst arbeitet und alles anfing. Hier trifft sie auf Junior, den Sohn des Chefs und ihrer Affäre. Doch dieser kennt sie nicht aber erkennt sie offenbar. Beide fangen sich an zu unterhalten und scheinbar auch zuverlieben. Doch der Vater könnte jeder Zeit aus dem Gefängnis entlassen werden. So beginnt eine kurze und intensive Zeit für beide.

Mädchen Mädchen spielt mit dem Zuschauer, während die Handlung uns immer wieder die Charaktere zeigt, hat man als Zuschauer das Gefühl, dass irgendwas nicht stimmt. Doch woher kommt dieses Gefühl? Eine Frage die der Film nie beantwortet, auch sind die Motive von Andrea nicht immer auf den ersten Blick so ersichtlich wie man denkt.

Der Mensch das Gewohnheitstier

Als Zuschauer sind wir nur so schlau wie Junior, der gerade Andrea kennenlernt und sie zum ersten Mal auch sieht. Denn er kannte sie nicht, er hat nur von ihr gehört. Dabei ist er aber von ihr fasziniert, weil sie die Frau ist die seinen Vater in den Knast gebracht hat. Dabei strahlt sie aber auch eine Unschuld aus, die ungewöhnlich ist. Man hat immer das Gefühl gleich passiert etwas mit ihr. Dabei scheint sie immer her der Lage zu sein. Doch woher kommt das? Eine Frage die der Film nicht beantwortet, viel mehr zeigt er uns warum Junior sich so vertraut mit ihr fühlt. Denn Andrea wiederholt nur die Dinge, die sie von seinem Vater kennt.

Es gibt ein paar Szenen die genau verdeutlichen, warum Andrea immer nur das wiederholt was sie schon kennt. Sie setzt am Tisch an einen bestimmten Platz. Hier scheint es so, dass sie dort auch früher saß. So ist es für die Haushälterin auch nichts ungewöhnlich dass Andrea wieder da ist. Am Ende des Films, wenn der Vater wieder da ist, wird klar warum Andrea genau an diesem Platz saß. Das sind die Stärken von Mädchen Mädchen. Diese Vertrautheit des Charakters an der Umgebung. Obwohl sie hier gar nicht sein will.

Andrea macht also mit, weil sie Junior vielleicht auch interessant findet. Denn er scheint sie nicht zu verurteilen wie die anderen im Werk. Doch nach und nach kommt auch bei ihm die Dinge hoch und die Gespräche werden intensiver. Dabei laufen sie durch den Wald und auch hier benimmt sich Andrea so als ob alles bekannt ist, was wahrscheinlich auch der Fall ist. Selbst die Szene mit den Holzfällern wirkt bedrohlich, obwohl nichts passiert. Diese konstante Angst als Zuschauer, obwohl Andrea hier alles und jeden kennt, das zieht sich durch den ganzen Film.

Was für ein Genre ist der Film?

Wie bei der französischen neuen Welle ist auch bei Mädchen Mädchen schwer, ein Genre festzumachen. Denn der Film hat nicht die üblichen Muster eines Genrefilms. Sondern man benutzt etwas neues und anderes. Was vielleicht aus dem Drang oder der Unwissenheit entstand. Denn selbst wenn Andrea und Junior durch die Gegend laufen und sich unterhalten, so wirken die Gespräche sehr belanglos, denn es ist einfach nur eine Unterhaltung von zwei Menschen die sich kennenlernen. Nichts was irgendwie zu der Charakterentwicklung beitragen würde. Es ist aber so, denn die Charaktere entfalten sich langsam, so wie es auch in der Realität passieren könnte.

Roger Fritz benutzt also Szenen in seinem Film Mädchen Mädchen die auf das bekannte anspielen, etwas was wir auch kennen. Nehmen wir nur die Szene im Wald, wenn Andrea und Junior zum ersten Mal Sex haben. Der Film zeigt es nicht, er deutet es nur an. Laut Fritz wegen der Mutter von Helga Anders, da diese zum Zeitpunkt des Films erst 17 1/2 war und sie das nicht wollte. So blendet der Film weg und erzeugt somit aber auch eine der besten Liebesszenen in einem deutschen Film. Danach gibt es dieses Unbequeme, wenn beide sich wieder anziehen, wir alle kennen das Gefühl bei einem neuen Partner, Mädchen Mädchen zeigt dies Perfekt.

Auch könnte man Mädchen Mädchen als Western ansehen, denn der Antiheld, in form von Andrea, kommt zurück in die Stadt und merkt das er nicht Willkommen ist. Doch er findet ein paar Freunde. Das haben wir auch in dem Film, die Arbeiter in dem Zementwerk mögen sie nicht und schauen sie auch immer an als Fremdkörper an. Natürlich fehlen die restlichen Elementen eines Western aber in den Grundzügen sind diese vorhanden. Hier merkt man halt, dass man einfach einen Film drehen wollten über ein Ereignis und man hatte nichts im Hinterkopf.

Optik

Man sieht dem Film deutlich an, dass Roger Fritz von der Fotografie kommt. Denn Mädchen Mädchen sieht wunderschön aus. Die Bilder die man hier auf die Leinwand zaubert sie sehr gelungen. Jeder Szene ist perfekt und spiegelt die Handlung sehr gut wieder. Dazu baut man auch diese Gefühl auf, dass man dauernd beobachtet wird. Scheinbar sind immer alle Augen auf Andrea gerichtet und sie fühlt sich auch verfolgt. Das sieht man gleich am Anfang des Films, wenn sie vom Erziehungsheim los geht und sich verfolgt fühlt. Es könnte auch die Flucht nach vorne sein.

Beim Schnitt merkt man, dass hier Roger Fritz nicht nach dem Lehrbuch vorgeht, so bewegen sich die Figuren immer sehr schnell von einem Ort zum anderen, so vergeht kaum Zeit im Film. Es fühlt sich alles zeitlos an, denn man hat keine Ahnung ob nun Stunden oder Tage vergangen sind. Das macht auch Mädchen Mädchen aus, denn es wirkt fast schon wie eine andere Welt, was auch dem Werk liegt und die großen Maschinen. Zwischen dem ganzen Stahl und Beton findet eine kleine Liebesgeschichte statt und die Figuren laufen dadurch und machen Schattentanz zu bekannten Melodien.

Es gibt aber auch ein paar Szenen, wo man nicht genau weiß ist es nun ein Filmfehler oder so gewollt. Während der Kissenschlacht von Andrea und Junior wechselt in den Großaufnahmen der Slip von Andrea, so hat sie eigentlich einen weißen an, doch bei den Nahaufnahmen ist er auf einmal gepunktet und hat einen anderen Schnitt. Entweder hat man hier Material von verschiedenen Tagen genommen und man hat nicht an die Kontinuität gedacht oder es ist gewollt und soll die Wiederholung zeigen, die hier Andrea macht.

Fazit:

Mädchen Mädchen ist ein wunderschöner Film, welcher mit dem Zuschauer spielt. Denn wir haben immer das Gefühl der Bedrohung, doch es findet nie eine statt und auch fühlt sich Andrea im Film immer beobachtet, wegen der Dinge die sie getan haben. Dazu kommen die Hauptcharaktere nie dazu das Wichtige auszusprechen. So lässt man diese Punkte immer aus, was den Film zu etwas Besonderem macht.

Mädchen Mädchen

Movie title: Mädchen Mädchen

Director(s): Roger Fritz

Actor(s): Helga Anders, Jürgen Jung, Hellmut Lange, Renate Grosser, Klaus Löwitsch, Ernst Ronnecker, Monika Zinnenberg, Werner Schwier, Christian Doermer

  • 8/10
    Handlung - 8/10
  • 9/10
    Schauspiel - 9/10
  • 9/10
    Regie - 9/10
  • 7/10
    Spannung - 7/10
8.3/10
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