Unmoralische Geschichten: Ein erotisches Meisterwerk von Walerian Borowczyk

Der polnische Regisseur Walerian Borowczyk hat in seinem Leben viele erotische Filme gedreht, doch mit dem 1974 entstanden Film Unmoralische Geschichten lieferte er sein Meisterwerk ab. Denn hier zeigt sich sein Stil in Perfektion. Dabei ist der Episodenfilm eine Ansammlung von echten Geschichten, welche er aber einen hauch Erotik verleiht und das Augenmerk liegt ganz auf die Frau, der Mann kommt kaum vor in dem Film. Borowczyk nutzt er aber viele skandalträchtige Storys, die er in den Film einbaut. Ein paar Jahre später bei Unmoralische Engel machte er sowas ähnliches, nur in kleiner Form. Dazu hat er mit Paloma Picaso die Tochter vom Maler Pabolo Picaso in einer Rolle besetzt, so sorgte er damals sicher noch für mehr Skandal als der Film ohne hin schon auslösen würde. Interessant ist auch, dass die Ursprungsfassung von Unmoralische Geschichten eine Episode enthielt, welche dann später zu seinem Film La Bête wurde.

Der Film ist in vier Episoden unterteilt, dabei reißt jede Geschichte weiter in die Vergangenheit. Los geht es mit “Die Gezeiten” welche 1970 spielt und ein Cousin verführt seine Cousine als die Flut ansteigt. Danach folgt eine Geschichte über Die philosophische Thérése, hier schreiben wir 1890 und die junge Thérese wird von ihrer Mutter in ihr Zimmer eingesperrt. Dort überkommt sie die Lust und sie fängt an zu masturbieren. Dann nimmt Unmoralische Geschichten die Geschichte von Erzsébet Báthory auf und wir sind im Jahr 1610. Es geht um Liebe und Verrat und natürlich warum die Gräfin so ewig jung blieb. Am Ende greift man den Skandal rund um die Borgia auf und was der Papst Alexander VI mit seiner Tochter Lucrezia Borgia so 1498 trieb.

Vier Frauen stehen im Mittelpunkt und alle vier sind sehr unterschiedlich. Es ist ein Film voller Skandal Geschichten und Tabubrüche. Das alles macht Unmoralische Geschichten zu einem Film der polarisiert und provoziert.

Die Gezeiten

Die erste Geschichte beginnt ganz harmlos, wir sehen Cousin und Cousine zum Strand fahren, sie wollen die Flut beobachten. Doch der Cousin hat noch einen Plan. Er ist 20 und seine Cousine gerade mal 16. Denn er will sie benutzen für seine Gelüste, sie verführen und die Anspannung steigt mit der Flut. Das baut diese Episode sehr gut auf. Denn wir sehen das Mädchen immer wieder in Großaufnahmen, ihr Gesicht wird gezeigt und ihre Lippen, die Sinnlichkeit dieser sind auch der Mittelpunkt des Finales der Geschichte. Walerian Borowczyk baut hier eine Erwartung auf, dabei kommt die Erotik aber nicht von der Nacktheit oder dem Sex, sondern der freudigen Erwartung die man hat was passiert aber auch durch den Reiz des Verbotenen.

Je höher die Flut steigt, desto höher werden auch die Gelüstet in Die Gezeiten, auch wenn Unmoralische Geschichten alles nur andeutet, ist es doch sehr erotisch und anheizend. Denn die Andeutung, dass die Cousine wirklich ihrem Cousin verfallen ist und ihm einen bläst, während er ihr etwas über die Flut erklärt, wirkt auch noch wie typisches französische neues Kino. So wirkt auch die Episode, es ist alles etwas anders als man es gewohnt ist und alles hat diesen Anspruch sich neu zu erfinden. Man arbeitet aber auch viel mit den Bildern der Flut und wie das Wasser steigt, alles ist ein Sinnbild für die Lust des Cousin, der sich anstrengt nicht zu kommen.

Es ist auch der Anfang eines Films, der natürlich noch keinen wirklich Höhepunkt liefern kann aber es fehlt auch die Rahmenhandlung und die Dramaturgie leidet natürlich im Verlauf des Films etwas, dennoch macht das Unmoralische Geschichten besser als andere Vertreter. Bei Die Gezeiten haben wir die erotische Version eines Films, der vielleicht auch von Godard hätte sein können.

Die philosophische Thérése

Die kürzeste Geschichte von Unmoralische Geschichten dreht sich um Die philosophische Thérése, eine Frau die auf dem Weg zur Kirche von einem Wegelagerer vergewaltigt wurde und dann bat man darum sie heilig zu sprechen. Diese Episode wirft also einen Blick auf ein junges unschuldiges Mädchen. Nun Thérese scheint natürlich nicht so unschuldig zu sein wie wir glauben. Sie ist getrieben von den Wahn der Liebe zu Jesus. Das zeigt sich schnell. Auch wenn das anders ausgeht, also wo mancher gläubiger gern hätte. Nach dem Thérese ihr Zimmer durchsuchte und von ihrer Mutter Gurken bekam zum Essen.

Hier wird der Film schon deutlicher bei der Erotik, wir merken deutlich wie erregt Thérese ist und das sie ihre Lust heraus lassen muss. Das geht auch auf dem Zuschauer über, in Großaufnahmen und Andeutungen, was sie mit der Gurke macht. Erleben wir eine junge Frau deren Sexualität erwacht, doch sie muss das mit ihrem Glauben vereinen und das ist nicht so einfach. Dennoch tut sie es und hier ist es sicherlich für viele schon ein Tabubruch, nicht nur das sie mit einer Gurke masturbiert, sondern auch eine heilige junge Dame soll so etwas getan haben. Man verzichtet auch auf den eigentlich Teil ihrer Geschichte, deutet es am Ende nur an.

Bei den Bildern nutzt Walerian Borowczyk wieder viele Großaufnahmen und deutet auch einiges nur an, explizit wird er hier nicht. Dennoch reicht es für Erregung und Erotik. Denn alles ist so sinnlich gefilmt, man versteht warum Thérese so erregt ist, sie noch jung, wahrscheinlich im Teenager alter und jeder kennt das Aufkeimen von plötzlicher lust, sie schafft sich auch Befreiung mit einem Phallussymbol. Doch ihr Glauben muss immer dabei sein. Das ist das erste Mal das Unmoralische Geschichten hier die Kirche und ihre Scheinheiligkeit kritisiert. Später wird das noch deutlicher.

Erzsébet Báthory

Eine der bekanntesten Figuren der Geschichten bekommt hier eine Episode gewidmet und auch die längste im Film. Denn Erzsébet Báthory baut Spannung auf und wir erleben wie die Gräfin sich neue Frauen sucht für ihr Schloss und natürlich wird den Dorfbewohnern mehr versprochen als dann wirklich ist. Die jungen Frauen freuen sich aber über ihren Aufenthalt bei Báthory. Doch irgendwas stimmt nicht. Selbst die Fröhlichkeit und Neugier welche uns begeistert ist nur kurz. Denn immer schwingt der historische Fakt der Figur im Hinterkopf des Zuschauers mit und genau das bekommen wir auch präsentiert. Dabei verzichtet Walerian Borowczyk aber auf das Zeigen der Tat, sondern wir sehen nur das Ergebnis, wie Erzsébet Báthory im Blut der jungen Mädchen badet. Doch damit ist die Handlung noch nicht vorbei, es gibt noch eine bitterböse Wendung am Ende.

Es ist die Episode von Unmoralische Geschichten, welche die meiste Nacktheit präsentiert und hier ist die Erotik halt auf die vielen Frauen gelegt und wir bekommen unterschiedliche Körper präsentiert. Dennoch scheint Báthory hier deutlich heraus und auch ihre Helferin, welcher aber sehr männlich dargestellt wird, durch die Kleidung. Alles in dieser Episode wirkt so prachtvoll, das Schloss der Gräfin und die Räume, alles deutet aber nach und nach auf Unheil hin. Das Schlafzimmer ist komplett in Rot gehalten. Rot wie Blut und auch die Gefahr die hier lauert. Denn die Frauen verlieren langsam den Verstand und das ist perfekt in Szene gesetzt, wie sie sich raufen um das Kleid und eine Dame steckt sogar eine Perle in ihre Vulva. Hier ist der Film am explizitesten und zeigt das auch.

Diese Episode von Unmoralische Geschichten sticht wirklich heraus, sie ist wie schon erwähnt die Längste und gibt eigentlich genug her, dass es auch ein eigenständiger Film sein könnte. Dabei wird hier kaum ein Wort gesprochen und alles über die Bilder erzählt, welche meisterhaft mit der Kamera festgehalten wurde. Alleine wegen dieser Geschichte lohnt der Film schon. Dabei bekommt man als Zuschauer wieder einen Mix aus Erotik und Tabubruch geboten, denn Erzsébet Báthory ist eine interessante Figur, ihr verhalten diente auch Bram Stoker für seine Version von Dracula als Vorlage. Das Baden im Blut junger Frauen, wahrscheinlich fast alle Jungfrauen, wurde zum Blut trinken.

Lucrezia Borgia

Die zweite berühmte Frau der Geschichte: Lucrezia Borgia. Sie gehört zu den Skandalträchtigsten Personen der Geschichten. Denn ihre Familie hat alles versucht um an den Papst posten zu kommen. Ihr Vater schaffte es aber als Papst Alexander VI. tat er vieles was der Kirche nicht gefiel. Er war wirklich unmoralisch hatte Sex, nahm Drogen und mordete um Papst zu werden. Seine Tochter setzte er ein um mehr Macht zu bekommen und sie war Spielball von allem. Dabei liebte Lucrezia ihren Vater, weil er kaum da war. In dieser Episode von Unmoralische Geschichten erleben wir als ein Stück davon. Dabei bekommen wir aber deutlich gezeigt was alles los war hinter den Kulissen.

Der Ehemann von Lucrezia merkt schnell, dass hier was faul ist und versucht auch auf die Kekse zuverzichten, sie könnten vergiftet sein. Doch das ist nicht die einzige Gefahr für ihn. Denn das unmoralische Verhalten der ganzen Familie wird deutlich gezeigt. Lucrezia geilt sich an gezeichneten Bildern auf von Pferdepenissen. Dazu ist überall Nacktheit verteilt. Schnell wird der Ehemann entsorgt und so können Vater und Bruder endlich an Lucrezia ran, welche sich freudig dem Sex hingibt. Hier ist der nächste Tabubruch, der Inzest, welcher hier als ganz Normal gezeigt wird. Obwohl das Ganze alles andere als Normal wirkt. Während jemand nebenbei predigt, wie sündig die Kirche geworden ist, treiben sie es fröhlich.

Am Ende gibt es aber keine Moral von der Geschichte, sondern der Film ist einfach vorbei und wir werden alleine gelassen mit dem, was passiert. Hier werden die Themen wirklich nur gezeigt ohne das jemand uns sagt, so geht das nicht. Es war so und damit müssen wir uns abfinden. Das macht Unmoralische Geschichten auch so besonders. Wir sind erregt durch die Erotik im Spielfilm aber auch geschockt, durch die ganzen Tabubrüche, welche uns gezeigt werden. Dabei bieten die Borgia natürlich sehr viel und auch hier ist alles wieder wunderbar ausgestattet und der Kontrast zwischen reichen Papst und armen Volk wird perfekt gezeigt.

Fazit:

Unmoralische Geschichten ist ein erotisches Meisterwerk von Walerian Borowczyk. Vier Frauen werden gezeigt und ihre Geschichten sind so unterschiedlich wie es nur geht. Alle verbindet die Leidenschaft und Erotik. Dennoch ist mal fröhlich und mal ganz düster. Dabei sieht jede Episode auch anders aus. Man bekommt viele Tabubrüche zu sehen. Dabei ist alles immer sehr erotisch gehalten und der Spielfilm zeigt das dies auch ohne viel Nacktheit geht.

Unmoralische Geschichten

Movie title: Unmoralische Geschichten

Director(s): Walerian Borowczyk

Actor(s): Lise Danvers, Fabrice Luchini, Charlotte Alexandra, Paloma Picasso, Pascale Christophe, Florence Bellamy, Mario Ruspoli, Fabrizio Ruspoli, Philippe Desboeuf, Nicole Karen, Tomas Hnevsa, Mathieu Rivollier

  • 9/10
    Handlung - 9/10
  • 9/10
    Schauspiel - 9/10
  • 10/10
    Regie - 10/10
  • 9/10
    Erotik - 9/10
9.3/10
Sending
User Rating 0 (0 votes)
Comments Rating 0 (0 reviews)